4. Februar 2012

Bio­kohle aus dem Schnellkochtopf

Print Friendly

Liebe Mit­tel­hes­sen­blog­le­ser: In den USA lau­fen gerade For­schun­gen aus Koh­len­di­oxid Die­sel für Autos zu gewin­nen. In Deutsch­land wett­ei­fert man seit gerau­mer Zeit aus Bio­masse Kohle zu machen. Im SPIEGEL  und bei 3SAT lie­fen seit 2006 mehr­fach Berichte über das Ver­fah­ren, an dem im Pots­da­mer Max-Planck-Institut für Kol­loid– und Grenz­flä­chen­for­schung der Che­mi­ker Mar­kus Anto­ni­etti vor allem am Ein­satz feuch­ter Bio­masse forscht. Von der sel­ben Idee, der aus Grün­zeug Bio­kohle machen zu kön­nen, war auch der Tüft­ler Rai­ner Schlitt aus dem ober­hes­si­schen Kirtorf  über­zeugt und suchte sei­ner­seits eine Methode, fand diese, über­zeugte Wis­sen­schaft­ler an der FH Gießen-Friedberg und grün­dete vor etwas mehr als zwei Jah­ren die Hydro Carb Gmbh. Inzwi­schen ist die Pro­duk­tion im Pilot­ver­fah­ren ange­lau­fen. Einen Blick hin­ter die Kulis­sen der im posi­ti­ven Sinn manch­mal hemdsärmelig-robusten Pio­nier­ar­beit wagte im Sep­tem­ber 2009 das Mit­tel­hes­sen­blog — das es selbst in die­ser Form zu die­ser Zeit eigent­lich auch nur als Test­pro­jekt gab. Kurz danach war das ZDF bei Schlitt zu Gast.

 

Aus Gar­ten­laub und Stroh Kohle machen? Die Idee hat Rai­ner Schlitt aus dem ober­hes­si­schen Kirtorf so fas­zi­niert, dass er eigens hier­für Mit­strei­ter gesucht, an der Fach­hoch­schule Gießen-Friedberg gefun­den und für die­sen Zweck vor zwei Jah­ren die Hydro­carb GmbH&Co KG gegrün­det hatte.

Geför­dert mit Mit­teln der Deut­schen Bun­des­stif­tung Umwelt (DBU) und wis­sen­schaft­lich von Diplom­in­ge­nieur Rein­hold Alten­sen und Pro­fes­sor Dr-Ing. Mar­cus Rehm beglei­tet, und auf der Suche nach dem bes­ten Ver­fah­ren in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren läuft seit kur­zem die erste Pilot­an­lage: Das Ziel: Markt­reife Biokohlereaktoren.

Den Grund­stein für diese Tech­nik hatte der deut­sche Che­mi­ker Fried­rich Ber­gius bereits 1913 gelegt, der für seine Ver­dienste unter ande­rem 1928 mit der Liebig-Denkmünze aus­ge­zeich­net wor­den war. Inzwi­schen war vor kur­zem das ZDF bei der Anlage gewe­sen, um dort einen Bei­trag für ZDF-Umweltmagazin zu drehen.

Kohle baut man ent­we­der tief unter der Erde als Stein­kohle oder im Tage­bau ab, wenn es sich im Braun­kohle han­delt. Dass Kohle unter gro­ßen Drü­cken vor Mil­lio­nen Jah­ren aus Pflan­zen­res­ten ent­stan­den ist, ist eine Tat­sa­che, die spä­tes­tens im Fach Che­mie ver­mit­telt wird. Es sollte bis 1912 dau­ern, dass der deut­sche Che­mi­ker Fried­rich Ber­gius in sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift ein Ver­fah­ren beschrieb, mit dem genau diese Drü­cke nach­emp­fun­den wer­den soll­ten, um so aus Torf, Cel­lu­lose oder Holz Kohle zu machen. 1913 wurde Ber­gius dafür und für die anschlie­ßende Koh­le­ver­flüs­si­gung, um dar­aus Kraft­stoff zu gewin­nen, das Patent erteilt. Ber­gius musste seine Patente ver­kau­fen, da Infla­tion und Ban­ken­krise in den 20-er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts ihm einen Strich durch den Auf­bau einer Firma mach­ten. 1949 starb der Che­mi­ker, der unter ande­rem 1928 mit der Liebig-Münze aus­ge­zeich­net wurde, ver­armt in Berlin.

Heute, 60 Jahre nach sei­nem Tod, hat sich Rai­ner Schlitt, gemein­sam mit Alten­sen in den Kopf gesetzt, mit die­sem Ver­fah­ren Bio­kohle zu pro­du­zie­ren. Zur Zeit lau­fen die For­schun­gen an der Pilot­an­lage auf Hoch­tou­ren, um das Ver­fah­ren zur Markt­reife zu bringen.

Sie dür­fen sich nicht wun­dern, dass ich hier den Rin­den­mulch sack­weise rauf­schleppe“, erklärt Schlitt den bun­ten Sack auf sei­nen Schul­tern, aus dem Augen­bli­cke spä­ter Mulch in das gut zehn Meter hohe Gebilde rie­seln, um dann unter hohem Druck spä­ter als Kohle wie­der ent­nom­men zu wer­den. Das Gebilde hat einen Namen: Reak­tor. Die dicken Nie­ten und der zen­ti­me­ter­di­cke Stahl­man­tel zeu­gen von dem unge­heu­ren Druck, der wäh­rend des Inkoh­lungs­pro­zes­ses im Inne­ren herrscht.

Im klei­nen ist der Reak­tor auf einem Tisch nach­ge­baut, an dem Diplom­in­ge­nieu­rin Anke Span­tig immer wie­der neue Mate­ria­lien auf ihre Taug­lich­keit tes­tet, ob sie sich den eig­nen, in Bio­kohle ver­wan­delt zu wer­den. „Hier, das sind Zucker­rü­ben­schnit­zel “, zeigt sie auf eine kleine Schüs­sel. Wäh­rend­des­sen holt sie aus dem Labor­re­ak­tor eine schwarze Masse, die in ihrer Struk­tur an die wei­ßen Schnit­zel in der Schüs­sel erin­nern. „Das sind auch Schnit­zel, nur eben jetzt in Kohle ver­wan­delt“, erklärt die junge Frau, die immer zwi­schen ihrer Labor­ecke in der gro­ßen Werks­halle und ihrem Rech­ner im Büro wech­selt, ein­ge­spannt zwi­schen Tele­fo­na­ten mit Zulie­fe­rern und dem Aus­wer­ten der neu­es­ten Test­rei­hen. „Ich hab gewusst, wor­auf ich mich ein­lasse“ lacht sie. Denn bevor sie ihre Stelle im Februar 2008 als Lei­te­rin der For­schungs– und Ent­wick­lungs­ab­tei­lung als frisch geba­ckene Diplom­in­ge­nieu­rin ange­tre­ten hatte, absol­vierte sie ein Prak­ti­kum in dem Betrieb.

Rund 300 Ver­su­che wur­den bis­her in dem Reak­tor gefah­ren, auf der Suche nach der bes­ten Zusam­men­set­zung. Stroh, Laub, Rin­den­mulch sind nur einige der Stoffe, die auf ihre Taug­lich­keit in die Ver­wand­lung von Bio­kohle ver­wen­det wurde. „Es ist im Grunde so, als ob man einen Rie­sen­schnell­koch­topf nimmt und Gemüse darin kocht: Unter dem hohen Druck, der dabei ent­steht, ver­wan­delt sich das Gemüse in unse­rem Koch­topf dann eben in Kohle“, umschreibt Schlitt das Ver­fah­ren. In dem gro­ßen Reak­tor dage­gen, des­sen Zusam­men­bau und Funk­tio­nie­ren die Röß­ner Maschi­nen­bau GmbH in Als­feld als wei­te­rer Pro­jekt­part­ner über­wacht, wur­den bis­her nur Rin­den­mulch und Zucker­rü­ben­schnit­zel in Kohle ver­wan­delt. Die Kohle, in dem Reak­tor als lose Masse anfällt, wird anschlie­ßend in kleine und große Bri­ketts gepresst. Inzwi­schen sind meh­rere Ton­nen die­ser Bio­kohle zu einem Koh­le­kraft­werk der Stadt­werke Flens­burg trans­por­tiert wor­den, um dort ver­brannt zu wer­den. Wie Schlitt sagt, las­sen sich die Koh­le­bri­ketts außer­dem auch als Boden­ver­bes­ser einsetzen.

Wo könn­ten sol­che Bio­koh­le­re­ak­to­ren ste­hen? ?Über­all dort, wo im gro­ßen Stil Bio­ab­fälle anfas­sen: Braue­reien etwa oder für die Ver­wer­tung von Grün­ab­fäl­len im gro­ßen Stil?, nennt Schlitt mög­li­che Abnehmer.

Inzwi­schen seien die DBU-Fördergelder aus­ge­lau­fen und es gehe darum, Part­ner in der freien Wirt­schaft zu fin­den. Noch etwas ande­res schwebt Schlitt mit die­sem Pro­jekt im Sinn: „Unsere Region blu­tet immer mehr aus. Junge Leute, die ihr Stu­dium absol­viert haben, zieht es in die Ferne. Es wäre schön, wenn es mir damit gelänge, unsere Region wie­der inter­es­sant zu machen“, sagt Schlitt, der sel­ber ein­mal in Mar­burg Jura stu­dierte , bevor er den elter­li­chen Betrieb über­nom­men hatte.

Redaktionelle Anmerkung:

Das mit­tel­hes­si­sche Pro­jekt ist sel­ber als Teil­pro­jekt 5 ein­ge­bun­den in ein Gesamt­pro­jekt, des­sen Fäden am Insti­tut für Zucker­üben­for­schung in Göt­tin­gen zusam­men­lau­fen. Das Pro­jekt, das noch bis 2012 läuft, heißt „Land­bau­li­che Ver­wer­tung von HTC-Produkten aus Bio­ab­fall (HTC-Biokohle)”

Share and Enjoy:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • RSS

Com­ments

Powered by Face­book Comments

Comments

  1. klaus says:

    Ein sehr inter­es­san­ter Bei­trag und ein reiz­vol­ler Gedanke aus dem reich­lich vor­han­de­nen Grün­ab­fäl­len nutz­bare Brenn­stoffe zu gewinnen.

Speak Your Mind

*


*

Webdesign