24. April 2012

Wo der Kel­ten­fürst die römi­sche Patri­zie­rin küsste: Euro­pa­weit ein­zig­ar­tige Naht­stelle zwi­schen Rom und den Kel­ten liegt bei Wald­gir­mes und Bie­ber­tal in Mittelhessen

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KULTUR/TOURISMUS/POLITIK und WIRTSCHAFT/KELTEN und RÖMER

Ob es tat­säch­lich so war, dass ein kel­ti­scher Fürst sich in eine Frau aus der römi­schen Ober­schicht ver­liebte, mit­ten im heu­ti­gen Deutsch­land? Viel­leicht in einem Roman, der noch geschrie­ben wer­den muss. Tat­sa­che ist aber, dass im mit­tel­hes­si­schen Wald­gir­mes zu Leb­zei­ten Kai­ser Augus­tus eine Römer­stadt exis­tiert hat, die sicher­lich eines nicht war: Eine haupt­säch­lich mili­tä­ri­schen Zwe­cken die­nende Ein­rich­tung wie die Saal­burg im Tau­nus bei Bad Hom­burg oder die ent­lang des durch den Süd­kreis Gie­ßen lau­fen­den Limes ange­leg­ten Kas­telle. Der Han­del bestimmte das Leben der Römer und ihrer Nach­barn im Nor­den, kel­ti­schen und zu ger­ma­ni­schen Volks­stäm­men gehö­ren­den Sied­lern, mit­ten in der Herr­schafts­zeit des Augus­tus, Die­ser hatte von 63 bis 14 nach Jesus Chris­tus gelebt. Ein Sym­bol sei­ner Macht waren Rei­ter­stand­bil­der in römi­schen Städ­ten, dem Kai­ser nach­emp­fun­den. Vom Glanz die­ser ein­zig­ar­tig keltisch-römischen, kon­zen­triert an jener Stelle mit­ten in Deutsch­land, wol­len heute min­des­tens zwei mit­tel­hes­si­sche land­kreise pro­fi­tie­ren.

So auch in Wald­gir­mes. Das wurde aber erst durch einen Gra­bungs­fund 2009 bekannt. Am 10. August 2009. 1993 hat­ten die Aus­gra­bun­gen in dem in unmit­tel­ba­rer Nähe der Lahn  gele­ge­nen Orts­teil der Gemeinde Lahnau begon­nen. Der Fund eines lebens­groß nach­ge­bil­de­ten ver­gol­de­ten Pfer­de­kop­fes sollte aber die Fach­welt nicht nur in Deutsch­land elek­tri­sie­ren. 2009 über­schlu­gen sich Zei­tun­gen, Maga­zine und Zei­tun­gen darin, die Mel­dung vom „Sen­sa­ti­ons­fund” unters Volk zu brin­gen. Offen bleibt, ob diese Begeis­te­rung über die Fach­welt hin­aus gewe­sen wäre, wenn 9 nach Chris­tus nicht die Nie­der­lage des römi­schen Feld­herrn Varus vor einer erdrü­cken­den Über­macht des Che­rus­kers Armi­nius statt­ge­fun­den hätte. So aber diente das Mas­sa­ker von Kalk­riese, die blu­tige Varus­schlacht 2000 Jahre spä­ter wohl als media­ler Zünd­satz für die sich in Win­des­eile ver­brei­tende Nach­richt vom lebens­gro­ßen augustei­schen Pfer­de­kopf­fund, welt­weit dem ein­zi­gen die­ser Art.

Wie der Ort, der 770 nach Chris­tus zum ers­ten Mal als Wald­gir­mes urkund­lich erwähnt wird, zu Römer­zei­ten gehei­ßen hat, ist nicht bekannt. Auf ihrer Inter­net­seite erklärt die Gemeinde aber ein Detail zur Her­kunft des Namens Wald­gir­mes. Danach ist „Wald” ger­ma­ni­schen Ursprung, laut der Ethy­mo­lo­gie bei Wah­rig indo­ger­ma­ni­schen Ursprungs. Die Silbe „ger­mi­zer” sei kel­ti­schen Ursprungs­Rund 1000 Jahre vor Augus­tus hatte aber eine andere Volks­gruppe schon die Vor­züge des heu­ti­gen mit­tel­hes­si­schen Kern­lands ent­deckt: Die Kel­ten. Sie ent­deck­ten den stra­te­gisch güns­tig gele­ge­nen knapp 500 Meter hohen Düns­berg als Stand­ort für sich und soll­ten erst im 1. Jahr­hun­dert nach Chris­tus wie­der aus dem mit­tel­hes­si­schen Raum verschwinden. .

Kel­ten und Römer: Salopp könnte man sagen: Mys­te­rium und Ratio, wabernde Wun­der­welt und mes­ser­scharfe Ver­stan­des­welt tra­fen auf­ein­an­der. Denn so sehr die Römer durch reich­li­ches Schrift­tum abge­se­hen von ihren viel­fäl­ti­gen archi­tek­to­ni­schen und mili­tä­ri­schen Leis­tun­gen dafür gesorgt haben, dass die Nach­welt selbst 2000 Jahre spä­ter min­des­tens in den Grund­zü­gen um ihre Geschichte und Bedeu­tung auch für die moderne euro­päi­sche Kul­tur weiß, so sehr gaben die Kel­ten spä­te­ren Gene­ra­tion ledig­lich mit­tel­bar Erklä­run­gen über ihr Leben mit, dank ihres Ver­zichts, auf schrift­li­che Nach­rich­ten. Zahl­rei­che Funde von den Bri­ti­schen Inseln über West-und Mit­tel­eu­ropa bis in den ana­to­li­schen Raum lie­fer­ten Beweise für ihre Kunst­fer­tig­keit, Sprach­re­likte, die wie in Wald­gir­mes bis in die heu­tige Zeit über­dau­ern, kenn­zeich­nen für das Fest­land, wo frü­her kel­ti­sche Men­schen gelebt haben. Dass der rund 500 Meter hohe Düns­berg zwi­schen Gie­ßen, Wetz­lar und Mar­burg in der Gemar­kung der Natur­wald­ge­meinde Bie­ber­tal schon rund 1000 Jahre vor der Herr­schaft des römi­schen Kai­sers Augus­tus eine Rolle bei den Kel­ten gespielt hat, ist durch Funde belegt.

Die Aus­gra­bun­gen, die seit 1999 Men­schen ver­schie­dens­ter Natio­nen in einem Archäo­lo­gen­team am Düns­berg zusam­men­ge­führt haben, haben nach Archäo­lo­gen– und His­to­ri­ker­an­sicht ein neues Bild gelie­fert. So wird ange­nom­men, dass die Kel­ten, die auf dem Düns­berg ein gro­ßes Oppi­dum bewohnt haben, Pfeil­spit­zen, Schwert­klin­gen und ande­res Eisen­wa­ren in Serie  her­ge­stellt haben.

Winter 2008:  Im Schnee versunken: Der Celtic-Art-Rundweg, der den keltischen Ringwällen am Dünsberg folgt

Im Schnee ver­sun­ken: Moderne Kel­ten­kunst (Cel­tic Art) auf den Ring­wäl­len des Dünsbergs

Im Forum für Geschichte befasst sich ein Thread „wie weit sind die Kel­ten nach Nor­den vor­ge­sto­ßen“ stär­ker mit der aktu­el­len his­to­ri­schen Dis­kus­sion. Hin­ter­grund der Dis­kus­sion ist die Frage, wie sich die zeit­weise rund 4800 Men­schen auf dem Düns­berg ernährt haben könn­ten. Eine These nimmt an, dass sich der Düns­berg als guter Umschlag­platz für Metall­wa­ren geeig­net haben könnte. Die Kel­ten seien als „Meis­ter der Metall­ver­ar­bei­tung“ berühmt gewe­sen, schreibt Frank Wes­ten­fel­der im E-Zine „Kriegs­rei­sende“, das sich mit der Sozi­al­ge­schichte von „Söld­nern und Aben­teu­ern“ befasst: „….die kel­ti­schen Schmiede pro­du­zier­ten eiserne Schwer­ter, Helme und Pan­zer­hem­den, die aller­dings nur von Häupt­lin­gen getra­gen wurden.“

Arnold Czar­ski, Geschäfts­füh­rer des Ver­eins „Archäo­lo­gie im Glei­ber­ger Land“ sagt auf­grund der Gra­bun­gen, die sein Ver­ein rund um den Düns­berg geleis­tet hat, zumin­dest dies: „Die Eisen­ver­ar­bei­tung muss in der Nähe statt­ge­fun­den haben, wo, kön­nen wir bis­lang aber noch nicht sagen“. Die Ver­mu­tung, dass die Kel­ten­sied­lung zu Zei­ten der Römer­stadt im heu­ti­gen Wald­gir­mes noch eine bedeu­tende Rolle gespielt haben dürfte, weist Czar­ski zurück. Die Tat­sa­che, dass im Dunst­kreis der Römer­stadt auch kel­ti­sche Arte­fakte gefun­den wur­den, erklärt Czar­ski mit früh­kel­ti­scher Besiedlung.

Dem Mythos, der mit der Fas­zi­na­tion der kel­ti­schen Welt ver­bun­den ist, dürf­ten diese Erkennt­nisse aber kei­nen Abbruch tun,

So sehr der Düns­berg im Brenn­punkt inter­na­tio­na­ler ehren­amt­li­cher und pro­fes­sio­nel­ler Archäo­lo­gen und His­to­ri­ker steht, so sehr spie­len der Limes und eben jener Fund aus Wald­gir­mes eine Rolle, von der letzt­lich auch der Tou­ris­mus im Grenz­be­reich der bei­den mit­tel­hes­si­schen Land­kreise Gie­ßen und Lahn-Dill pro­fi­tie­ren dürfte. 2006, vor dem Fund in Wald­gir­mes, beschäf­tigte sich eine Tagung in Mar­burg mit dem Zusam­men­tref­fen der römi­schen, der kel­ti­schen und der ger­ma­ni­schen Kul­tur an der Lahn. Wäh­rend der Vor­stel­lung des dar­aus ent­stan­de­nen Buches „Kon­takt­zone Lahn“ her­aus­ge­ge­ben von den Wald­gir­me­ser Aus­gra­bungs­lei­tern Dr. Armin Becker und Dr. Gabriele Ras­bach und Pro­fes­sor Kai Ruf­fing stellte der Trie­rer Wis­sen­schaft­ler Pro­fes­sor Chris­toph Schä­fer fest: „Manch­mal sehen wir doch nei­disch nach Waldgirmes.“

Um künf­tig Tou­ris­ten und Wan­de­rer, die gezielt in die mit­tel­hes­si­sche Kern­re­gion kom­men, auf die in die­ser Weise ein­zig­ar­tig dicht neben­ein­an­der lie­gen­den kul­tu­rel­len Zeug­nisse römi­scher und kel­ti­scher Ver­gan­gen­heit auf­merk­sam zu machen, haben sich der Land­kreis Gie­ßen, der hei­mi­sche Hotel– und Gast­stät­ten­ver­band Gie­ßen Glei­ber­ger Land, die Gemeinde Bie­ber­tal und der Düns­berg­ver­ein zusam­men­ge­tan, um mit Hin­weis­ta­feln und Infor­ma­ti­ons­blät­tern Tou­ris­ten nicht rat­los am nach­ge­bau­ten Kel­ten­tor und Kel­t­en­ge­höft am Düns­berg ste­hen zu las­sen. Neben den diver­sen Sehens­wür­dig­kei­ten (archäo­lo­gi­scher Rund­wan­der­weg auf den Ring­wäl­len des Düns­berg, Römer­stadt in Wald­gir­mes, diverse Kas­telle ent­lang des Limes im Süd­kreis Gie­ßen und der Wet­terau) war­ten ins­be­son­dere die Gas­tro­no­mie und Part­ner­be­triebe aus dem Flei­scher– und Bäcker­hand­werk ent­lang die­ser Naht­stelle zwi­schen römi­scher und kel­ti­scher Kul­tur mit spe­zi­el­len Menü­an­ge­bo­ten und eige­nen, römi­scher und kel­ti­scher Küche nach­emp­fun­de­nen Waren auf. Auch damit, so wird dies von der Wirt­schafts­för­de­rung des Land­kreis Gie­ßen und dem Lahntal-Tourismusverband erklärt, bewege sich diese spe­zi­elle Region auf bis­her ein­zig­ar­ti­gen Pfa­den. Auf der bis­lang füh­ren­den über­re­gio­na­len hes­si­schen Ver­brau­cher­schau, die im Novem­ber in Gie­ßen statt­ge­fun­den hatte, der „Leben und Genie­ßen”, bestä­tig­ten diverse Stich­pro­ben­be­su­che der Mittelhessenblog-Redaktion an den Stän­den der Orga­ni­sa­tio­nen, die mit der Ver­mark­tung des Kel­ten– und Römer­phä­no­mens befasst sind, diese Angaben.

Wei­ter­füh­rende Infor­ma­tio­nen rund ums Thema Kel­ten, Römer und deren moderne Ver­mark­tung gibt es hier:
Geschichts­fo­rum, Kriegs­rei­sende, Römer­fo­rum Lahnau, Das Lahn­tal, Ver­ein Hassia-Celtica

Im Mit­tel­hes­sen­blog hierzu auch:
Über­sichts­seite Pro­jekt Kel­ten und Römer

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