24. April 2012

Schutzhütten-Affäre in Mit­tel­hes­sen geht in die nächste Runde — Im Inter­net Vor­schläge für „Hütten-TÜV”

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UMWELT/POLITIK und WIRTSCHAFT/TOURISMUS

„Wir sind gegen die Sanie­rung und den Bau der Hütte”,  lau­tet das ein­hel­lige Votum der Königs­ber­ger Vogel-und Natur­schüt­zer. Wäh­rend ihrer tur­nus­mä­ßi­gen Jah­res­haupt­ver­samm­lung im Bie­ber­ta­ler Orts­teil Königs­berg spielte das Geran­gel um die Sanie­rung der in einem Natura2000-Schutzgebiet ste­hen­den 77 Jahre alten Hütte in der Gemar­kung Königs­ne­ben einem Vor­trag über die Kri­te­rien natur­na­her Wald­wirt­schaft in einer Natur­wald­ge­meinde wie Bie­ber­tal eine der Haupt­rol­len. Hin­ter­grund: Die soge­nannte Ziehe-Hütte hatte 2008 den Eigen­tü­mer gewech­selt, sollte dann saniert wer­den, was aber gegen gel­ten­des Recht steht. Nach einem Wech­sel der pri­va­ten Bau­her­ren­schaft zur öffent­li­chen Bau­herr­schaft durch die Gemeinde war­tet man nun gespannt auf eine Ent­schei­dung der Kreis­bau­auf­sicht. Diese hatte grund­sätz­lich einen Bau­stopp ver­hängt, hält sich jetzt aber bedeckt. Eine Ent­schei­dung für den Bau der Schutz­hütte wäre nach Ein­schät­zung der Natur­schüt­zer und des Orts­vor­ste­hers ein Präzedenzfall.

Es ist spät gewor­den an die­sem Frei­tag­abend beim Hirsch­wirt in Königs­berg. In dem Orts­teil Bie­ber­tals, der west­lichs­ten Gemeinde im Land­kreis Gie­ßen sit­zen knapp zwan­zig größ­ten­teils gestan­dene Män­ner und Frauen zusam­men, um wäh­rend ihrer Jah­res­haupt­ver­samm­lung die Fahrt­rich­tung für das gerade begon­nene Jahr rund um ihre Arbeit im örtli­chen Vogel-und Natur­schutz­ver­ein fest­zu­zur­ren. Die übli­chen Regu­la­rien ste­hen auf der Tages­ord­nung, 16 Tages­ord­nungs­punkte müs­sen abge­ar­bei­tet wer­den. Nr.  15 und Nr.16 sor­gen dann schließ­lich für eine leb­hafte Debatte. Kei­nes­wegs bos­haft oder miss­güns­tig, son­dern gewürzt mit einem bis­si­gen Humor.
Es geht um die so genannte Ziehe-Hütte, einer 77 Jahre alten vom Zahn der Zeit zer­nag­ten Schutz­hütte. Die Aus­ein­an­der­set­zung um deren geplante Sanie­rung durch einen pri­va­ten Käu­fer aus dem Nach­bar­orts­teil Fel­lings­hau­sen, der diese Hütte von den lang­jäh­ri­gen Eigen­tü­mern aus dem Haupt­orts­teil Rodheim-Bieber erwor­ben hatte — mit der Absicht, diese zu sanie­ren und vor dem Ver­fall zu ret­ten. Doch die Rech­nung hatte Hüt­ten­käu­fer Klaus Rüs­pe­ler ohne die gel­ten­den Bau­vor­schrif­ten gemacht. Zwar sei er kurz vor dem Kauf  von den Vor­be­sit­zern hin­ge­wie­sen wor­den, dass Bau­tä­tig­kei­ten schwie­rig wer­den könnte. Geglaubt hatte er dies aber nicht.Was folgte, waren eine Anzeige durch die Bie­ber­ta­ler Umwelt­be­auf­tragte, Ver­hän­gung von Zwangs­gel­dern wegen ver­bots­wid­ri­gen Bau­ens und zwi­schen­zeit­lich auch eine Ein­schal­tung des zustän­di­gen Jagd­päch­ters, der auch Schrift­füh­rer des Königs­ber­ger Vogel– und Natur­schutz­ver­eins ist.

Wech­sel in der Bauherrenschaft

Was genauso geschah, war ein Wech­sel in der Bau­her­ren­schaft. Statt des pri­va­ten Käu­fers kam 2010 plötz­lich die Gemeinde in Gestalt des Gemein­de­vor­stands ins Spiel. Die Begrün­dung: Die Schaf­fung eines Schut­zes für Wan­de­rer und Stell­mög­lich­kei­ten für Tische und Bänke. Diese Begrün­dung wurde wäh­rend der Sit­zung der Königs­ber­ger Natur­schüt­zer nun regel­recht in der Luft zer­ris­sen. „Wir haben ja nicht nur dort unten am Helf­holz eine sol­che alte Hütte. Da gäbe es ja allein hier bei uns in der Tat genug alte Hüt­ten, die  man nach dem glei­chen Mus­ter sanie­ren könnte. Im Ernst: Wenn die Gemeinde Tische und Stühle unter­stel­len will, hat sie genü­gend andere Mög­lich­kei­ten, etwa am Bau­hof. Und einen intak­ten Schutz für Wan­derr gibt es direkt in der Nähe”, schwirr­ten die Gegen­ar­gu­mente durch die Luft. Amt­lich wurde der Königs­ber­ger Orts­vor­ste­her Wolf­gang Lenz: mit sei­ner  Fest­stel­lung: „Wir fin­den die gesamte Vor­ge­hens­weise des Gemein­de­vor­stands etwas merk­wür­dig. Es sieht danach aus, als ob hier eine Ent­schei­dung her­bei­ge­führt wer­den soll, die dann zum Prä­ze­denz­fall wird.”  Der  Gemein­de­vor­stand sei offen­sicht­lich „schlecht beraten.”

Stel­lung­nahme Klaus Rüs­pe­lers in den Bie­ber­ta­ler Nach­rich­ten vom 11. Februar 2011

Nach der Ver­öf­fent­li­chung im Mit­tel­hes­sen­blog und im Gie­ße­ner Anzei­ger hatte Rüs­pe­ler in den Bie­ber­ta­ler Nach­rich­ten, dem wöchent­lich erschei­nen­dem Amts­blatt der Gemeinde, noch ein­mal seine Sicht der Dinge dar­ge­stellt. Danach sei es darum gegan­gen, nach­dem er sel­ber als Pri­vat­mann mit sei­nem Bau­vor­ha­ben an den behörd­li­chen Vor­ga­ben geschei­tert sei, nun mehr mit dem Gemein­de­vor­stand einen Weg zu fin­den, trotz­dem im Rah­men des Bau­ge­set­zes  die Hütte bauen zu kön­nen. Im übri­gen nehme er an, dass das wesent­li­che Haupt­mo­tiv in der Ver­hin­de­rung des Hüt­ten­baus darin liege, dass Bette als zustän­di­ger Jagd­päch­ter sich in der Aus­übung sei­nes Hobby gestört fühle. Stellungnahme Klaus Rüspeler zur geplanten Schutzhüttensanierung

Die Stel­lung­nahme Rüs­pe­lers spielte damit auch auf der Ver­samm­lung der Vogel– und Natur­schüt­zer im Nach­bar­ort Königs­berg eine Rolle. Die Tat­sa­che, dass Bie­ber­tals neue Revier­förs­te­rin, Ulrike Hen­rich, Kri­te­rien der natur­na­hen Wald­be­wirt­schaf­tung beleuch­tete, gaben Bette Gele­gen­heit, Auf­ga­ben des Jägers näher zu erklä­ren. Danach bekom­men Jäger unter ande­rem Abschuss­pläne vor­ge­legt. Wer­den diese nicht erfüllt, könne dies zu Kon­flik­ten mit den Jagd­ge­nos­sen­schaf­ten führen.

Wie Behör­den in Hes­sen mit ille­ga­len Bau­ten im Außen­be­reich umge­hen — Echo im Internet

Wie mit ille­ga­len Bau­ten im Außen­be­reich umge­gan­gen wird, also über­all dort, wo nach dem Buch­sta­ben des Geset­zes nur Land­wirte, Jage­d­päch­ter oder Kom­mu­nen, die Wind­rä­der errich­ten wol­len bauen dür­fen, machen in Hes­sen gegen­wär­tig die Stadt Gie­ßen und der Main-Taunus-Kreis vor. In Gie­ßen musste kürz­lich eine Fami­lie ihr Haus räu­men nach einer Frist­set­zung durch das zustän­dige Bau– und Umwelt­de­zer­nat der Stadt mit Son­der­sta­tus. Ande­ren Häu­sern in dem Gar­ten­ge­biet am lin­ken Lah­n­ufer (Huns­bach, Insel­weg) droht mitt­ler­weile das glei­che Schick­sal. Im Main-Taunus-Kreis geht es gleich um einige hun­dert Gar­ten­bau­ten und Schutz­hüt­ten, wo inzwi­schen das Regie­rungs­prä­si­dium in Darm­stadt auf die Umset­zung der gesetz­li­chen Vor­ga­ben drängt.

Umso­mehr war­tet man nun in Königs­berg mit Span­nung auf die Wei­ter­ent­wick­lung. Sollte die Ent­schei­dung der Kreis­bau­auf­sicht in Gie­ßen zuguns­ten der Sanie­rung der Schutz­hütte fal­len, so könnte damit ein Signal gege­ben wer­den, das unter ande­rem auf die Befürch­tung von Wan­de­rern sich in Luft auf­lö­sen las­sen könnte, die sich etwa in Inter­net­fo­ren Rat­schläge geben, wo es Geheim­tipps für kos­ten­güns­ti­ges Über­nach­ten gibt — wie im Forum Out­door­sei­ten. Dort spricht ein nach­denk­li­cher Foren­be­su­cher einen Satz aus, der letzt­lich den Geist der Stel­lung­nahme Rüs­plers auf­greift:  „In gewis­sen Gren­zen sollte man froh sein, das wenig öffent­li­ches Inter­esse an die­sen Hüt­ten und ihrer Nut­zung besteht. Darin zu pen­nen (und diese ordent­lich zu hin­ter­las­sen) bleibt eine Grau­zone, die sicher durch Miß­brauch bald ver­schwin­den würde.”

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