24. April 2012

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt watscht gei­zige Hes­sen ab: Bun­des­land bricht mit Gehäl­tern für junge Pro­fes­so­ren die Ver­fas­sung — Mar­bur­ger Che­mie­pro­fes­sor bekommt Recht

Print Friendly

Mit­tel­hes­sen steht ein­mal mehr im Ram­pen­licht. Dies­mal nicht mit  Pilot­pro­jek­ten zur Bio­en­er­gie, in der Tele­me­di­zin oder der Breit­band­ver­net­zung länd­li­cher Räume, son­dern beim Kampf um Lohn­ge­rech­tig­keit — bes­ser gesagt, beim Kampf um ver­fas­sungs­ge­mäße Gehäl­ter für Pro­fes­so­ren. Die Karls­ru­her Rich­ter gaben dem  Mar­bur­ger Hoch­schul­leh­rer Bern­hard Roling Recht, dass er ver­gli­chen mit sei­nen Anstren­gun­gen um eine qua­li­fi­zierte aka­de­mi­sche Bil­dung, sei­ner Ver­ant­wor­tung für Lehre und For­schung und dem in der Öffent­lich­keit mit dem Amt ver­bun­de­nen Anse­hen ein­fach zu wenig ver­diene, so sehr, dass dadurch das Grund­ge­setz ver­letzt wird. Das Urteil, so die Ein­schät­zung, ist nicht nur ein Signal für  Hes­sen, son­dern gleich für alle jun­gen Hoch­schul­leh­rer, noch mehr über­haupt für das Beam­ten­tum.

Über das Urteil an sich haben, kaum das es gespro­chen war, bereits Nach­rich­ten­agen­tu­ren ein­schließ­lich der Leit­me­dien und Tages­zei­tun­gen berich­tet. So rich­tungs­wei­send das Urteil sein mag, inter­es­sant ist genauso, wer der Mensch ist, der Wis­sen­schaft­ler, der sich neben sei­ner Hoch­schul­ar­beit noch den Gang vor Gericht auf­ge­la­den hatte. Inter­es­sant ist auch, wo sich das Land Hes­sen sel­ber denn sieht, der nun als knaus­ri­ger Ver­fas­sungs­bre­cher abge­strafte Dienst­herr. Die Mittelhessenblog-Redaktion hat um die Ecke geguckt und dabei einen Quer­schnitt aus im Netz ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen erstellt.

Was war gesche­hen? Ein jun­ger Che­mie­pro­fes­sor, Jahr­gang 1965, hatte in Mar­burg 2005 eine Stelle als so genann­ter W-Professor ange­tre­ten. Und bald gemerkt, dass er nach sei­ner Auf­fas­sung zu wenig für die geleis­tete Arbeit und von ihm erwar­tete Arbeit bekam. Roling zog vor das Ver­wal­tungs­ge­richt in Gie­ßen und das winkte 2011 den gan­zen Fall zur Vor­lage nach Karls­ruhe durch. Dort kam es, was in der­lei Fäl­len höchst sel­ten der Fall ist, zu einer öffent­li­chen Ver­hand­lung und am 14. Februar zum Urteils­spruch.
Genau zehn Jahre vor dem Antritt sei­ner Pro­fes­so­ren­stelle  gehörte Prof.Dr. Bern­hard Roling, damals noch als fri­scher Dr. Bern­hard Roling zu den bes­ten 76 jun­gen Wis­sen­schaft­lern, die am 6. Dezem­ber 1995 für ihre her­vor­ra­gen­den Leis­tun­gen in ihren Dok­tor­ar­bei­ten an der West­fä­li­schen Wilhelms-Universität Müns­ter aus­ge­zeich­net wor­den waren. Damals war Roling rund 30 Jahre alt und hatte bereits eine inten­sive Zeit des Ler­nens und For­schens hin­ter sich gebracht. In den fol­gen­den Jah­ren war Roling dann als Pri­vat­do­zent an der Uni­ver­si­tät beschäf­tigt. Noch drei Jahre, bevor er die Pro­fes­so­ren­stelle an der Philipps-Universität in Mar­burg antrat, belegt eine Dis­ser­ta­tion, dass Roling ande­ren Kol­le­gen bei der Erlan­gung des Dok­tor­gra­des mit Rat und Tat zur Seite steht. Dass Roling kei­nes­wegs den Typus eines der „fau­len Säcke” bediente, mit dem EX-Bundeskanzler Ger­hard Schrö­der Leh­rer aufs Korn nahm, bele­gen unter ande­rem Ver­öf­fent­li­chun­gen über For­schungs­er­geb­nisse in der Zeit­schrift für Phy­si­ka­li­sche Che­mie .  Vor kur­zem erst machte seine Arbeits­gruppe mit der Ent­wick­lung einer elek­tro­che­mi­schen Mikro­mess­zelle von sich reden. Diese Zelle kann sehr nied­rige Elek­tro­lyt­men­gen mes­sen und des­we­gen, so die Ein­schät­zung im schwei­ze­ri­schen Bul­le­tin Online, eine mög­li­che Bat­te­rie der Zukunft sein. Das Bul­le­tin ist die Fach– und Ver­band­s­pu­bli­ka­tion von Elec­tro­suisse und VSE . Einen Ein­druck sei­ner Arbeit ver­mit­telt auch ein Videobei­trag, in dem Roling die Geschichte Ioni­scher Flüs­sig­kei­ten erläutert.

Folge 35 — Die Geschichte der ioni­schen Flüs­sig­kei­ten from Chy­m­ia­trie on Vimeo.

Mit ande­ren Wor­ten: Roling tritt damit ein­mal mehr den Beweis an, dass er sei­nem Dienst­herrn, dem Land Hes­sen, durch­aus nicht auf der Tasche her­um­lie­gen will, son­dern für das Geld, das ihm von Rechts wegen zusteht, etwas leis­ten will. Und sofern man der Bot­schaft Glau­ben schen­ken will, sieht Hes­sen sich ja durch­aus in Deutsch­land als eines der wohl­ha­ben­den Län­der, geht es etwa um Fra­gen des Län­der­fi­nanz­aus­gleichs. Zudem sieht sich Hes­sen sel­ber als eine der stärks­ten Wirt­schafts­re­gio­nen Euro­pas und letz­lich als Deutsch­lands Motor der Wirt­schaft. So jeden­falls beschreibt Dr. Wolf Klinz auf sei­ner Web­site seine hes­si­sche Hei­mat. Nicht als ein­ge­fleisch­ter Lokal­pa­triot, son­dern als Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments. Klinz ist Frei­de­mo­krat. Eigent­lich, so sollte man mei­nen, hätte dies aus­rei­chen müs­sen, jun­gen Wis­sen­schaft­lern, die  ihr Wis­sen im Hoch­schul­dienst an die wei­ter­ge­ben und ver­mit­teln wol­len, genü­gend finan­zi­elle Anreize durch ein ange­mes­se­nes Pro­fes­so­ren­ge­halt im Sinne der Ver­fas­sung zu geben. Tat es aber anschei­nend nicht. Das passt eben­so­we­nig ins Bild wie der Pro­test­schrei, der 2010 durch das Bun­des­land ging, vor­an­ge­trie­ben unter ande­rem wie­der durch Mit­tel­hes­sen. Was  Professoren,Lehrer  Schü­ler und Stu­den­ten damals auf die Bar­ri­ka­den stei­gen ließ: Die ange­kün­digte Kür­zung von 34 Mil­lio­nen Euro im Bildungsbereich.

 

Share and Enjoy:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • RSS

Com­ments

Powered by Face­book Comments

Comments

  1. Marcel D. says:

    Ein wesent­li­cher Punkt in Ihrem Arti­kel muss kor­ri­giert wer­den, da ansons­ten dem Leser fal­sche Tat­sa­chen ver­mit­telt wer­den. Es han­delt sich bei der Mikro­mess­zelle nicht um eine Bat­te­rie. Viel­mehr kann mit Hilfe der Mikro­mess­zelle und eines geeig­ne­ten Impedanz-Messgerätes u.a. die Ionen-Leitfähigkeit von poten­ti­el­len Batterie-Elektrolyten tem­pe­ra­tur­ab­hän­gig gemes­sen wer­den.
    In dem Arti­kel der Ober­hes­si­schen Presse heißt es schließ­lich rich­tig: „Mar­bur­ger Wis­sen­schaft­ler ent­wi­ckeln elek­tro­che­mi­sche Mikro­mess­zelle für [!] die Bat­te­rie der Zukunft” (Quelle: http://www.op-marburg.de/Lokales/Wirtschaft/Wirtschaft-lokal/Kleine-Messzelle-mit-grosser-Wirkung). Ihre Quelle, die schwei­ze­ri­sche Bul­le­tin Online, hat hier wohl ganz im Stile des Spiels „stille Post” aus dem „für die Bat­te­rie” eher ein „als Bat­te­rie” gemacht.

  2. Lie­ber Mar­cel D. (der Name ist der MHB-Redaktion bekannt),

    herz­li­chen Dank für den Hin­weis. Da es sich bei der schwei­ze­ri­schen Bul­le­tin Online um ein Fach­me­dium der Elek­tro­bran­che han­delt, der am 2. Februar 2012 online gestellte Arti­kel mit dem direk­ten Hin­weis auf die Arbeits­gruppe von Pro­fes­sor Roling bis­lang auch nicht kom­men­tiert wurde, war davon aus­zu­ge­hen, dass die­ser Arti­kel sach­lich rich­tig ist. Im vor­lie­gen­den MHB-Artikel stellt der Hin­weis auf die Mikro­mess­zelle aber nur ein Zusatz­de­tail dar, sollte aber sicher auch rich­tig sein. Auf wel­chem Weg die schwei­ze­ri­schen Kol­le­gen an ihre Infor­ma­tion gelangt sind, liegt zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt noch nicht vor. Sobald die Resul­tate vor­lie­gen, las­sen sich die Unter­schiede zwi­schen der Dar­stel­lung in der OP und denen der schwei­ze­ri­schen Redak­tore sicher­lich aufklären.

    Chris­toph v. Gal­lera — Redak­tion Mittelhessenblog

Speak Your Mind

*


*