Mittelhessenblog ISSN 2195–5441
 
 

17. September 2014

Wie soll sich Jour­na­lis­mus in Zukunft finan­zie­ren? — Eine Idee aus Gie­ßen zieht Kreise

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Ob es nun Stif­tun­gen sind, das so genannte Crowd­fun­ding oder Bezahl­sys­teme wie flattr oder kachingle, es sind alles Modelle, wie Jour­na­lis­mus sich anders als bis­her finan­zie­ren kann. In den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren war dies auch Thema im Gie­ße­ner Orts­ver­band des Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­bands (DJV). Eben­falls in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren auch Thema der Ver­bands­tage des hes­si­schen DJV-Landesverbands. Nur weit gekom­men waren die Vor­schläge aus Gie­ßen nicht wirk­lich. Nun, 2012, wäh­rend des Bun­des­ver­bands­ta­ges des DJV in Kas­sel lan­dete das Thema auf ein­mal ganz weit oben und soll nun eine noch zu grün­dende Arbeits­gruppe beschäftigen.…Grund für einige Gedan­ken. Denn gerade auf sol­che Alter­na­ti­ven neben oder statt des klas­si­schen Anzei­gen­ge­schäfts set­zen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­stan­dene jour­na­lis­ti­sche Online­an­ge­bote wie es das Mit­tel­hes­sen­blog ist, getra­gen von einem oder in der Regel einer Hand voll freien Jour­na­lis­tin­nen und Journalisten.

 

Ein kur­zer  Blick in die Geschichte

Ohne Moos nichts los” lau­tete ein Schla­ger, den Gun­ter Gabriel 1979 sang.  Damals bestand der Deut­sche Jour­na­lis­ten­ver­band gerade 30 Jahre. Damals gab es noch Staa­ten auf deut­schem Boden, mit zwei Wirt­schafts– und zwei Gesell­schafts­sys­te­men. Und einer klar geord­ne­ten Medi­en­land­schaft: Hier die öffentlich-rechtlichen Sen­der mit ihren durch Gebüh­ren­ein­zug gesi­cher­ten Gel­dern, und auf der ande­ren Seite die pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­ten Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten, Maga­zine.  Mit dem Beginn des Sen­de­be­triebs der bei­den  Pri­vat­sen­der Sat1 und RTL im Januar 1984 sollte dann der Anfang für einen radi­ka­len Wan­del im Jour­na­lis­mus­be­trieb gesetzt wer­den — recht­lich vor­be­rei­tet durch eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im letz­ten Jahr der sozi­al­li­be­ra­len Regie­rungs­ko­ali­tion Schmidt/Genscher (1981). Ein Jahr spä­ter begann dann die neue bür­ger­lich­li­be­rale Regie­rungs­ko­ali­tion Kohl/Genscher mit dem Aus­bau der Breit­band­ver­ka­be­lung als tech­ni­scher Vor­aus­set­zung. Was gleich­zei­tig aller­dings mit der ein­ge­läu­te­ten geistig-moralischen Wende durch den Regie­rungs– und Poli­tik­wech­sel begann, war auch der schlei­chende Wan­del zur Betrach­tung von Men­schen als rei­nem Kal­ku­la­ti­ons­fak­tor in Unter­neh­mens­bi­lan­zen. Als rei­ner Kos­ten­fak­tor, des­sen Gewicht es zuguns­ten von noch mehr Pro­fi­ta­bi­li­tät gerin­ger wer­den sollte.

Zei­ten­wan­del

33 Jahre spä­ter seit Gun­ter Gabri­els Lied  sieht alles anders aus: Öffentlich-rechtliche Sen­der müs­sen schon lange mit den Pri­va­ten mit­hal­ten. Durch den Beginn des Inter­net­zeit­al­ters zu Beginn des neuen Jahr­hun­derts tauchte eine neue Dimen­sion in der Medi­en­a­rena auf und zwi­schen­zeit­lich übten sich Ver­lage im Hohen Lied der knap­pen Kas­sen, die begrün­den soll­ten, dass mehr gespart wer­den soll — an den Men­schen. Gleich­zei­tig fan­den und fin­den Inves­ti­tio­nen in Mil­lio­nen­höhe in Druck­ma­schi­nen, EDV-Systeme, neue Redak­ti­ons­sys­teme statt. Um das fest­zu­stel­len, muss man nicht nur auf die gro­ßen über­re­gio­na­len Zei­tungs– und Zeit­schrif­ten­ver­lage bli­cken. Genauso gleich­zei­tig schau­fel­ten sich die Zei­tungs­ver­lage und damit auch den Schöp­fern ihrer Werke, den Jour­na­lis­ten, Foto­gra­phen, zuar­bei­ten­den Gra­fi­kern ein gro­ßes Loch, das zu stop­fen ungleich schwie­ri­ger gewor­den ist als es aus­zu­he­ben: Die kom­plett kos­ten­lose Bereit­stel­lung wert­vol­ler Arbeit im Inter­net. Der Blick vor die eigene Haus­tür reicht manch­mal auch schon. Gehaltss­ta­gna­tion und ein­ge­fro­rene Hono­rare wur­den mit schlech­ten Zah­len im Anzei­gen­ge­schäft begrün­det. Den­noch geht es zum Bei­spiel den Zeit­schrif­ten­ver­le­gern gut. Zah­len­bei­spiele lie­ferte der DJV-Vorsitzende Michael Kon­ken in Kas­sel: Wäh­rend die Zeit­schrif­ten­bver­le­ger 2012 mit 7.1 Mil­li­ar­den Euro ein Umsatz­plus von 1,4 Pro­zent erwar­ten und 2013 noch ein­mal 1,5 Pro­zent. Dafür wol­len sie in den nächs­ten Jah­ren 400 Arbeits­plätze schaf­fen. Fragt sich, zu wel­chen Bedin­gun­gen.
Was in die­sen 20, 30 Jah­ren aber auch geschah: Der Beruf des Jour­na­lis­ten gewann immer mehr an Zulauf und Beliebt­heit. Heute ist von der IMM-Generation die Rede (Ich mach was mit Medien). Nicht nur bei Stu­dis Online. Die IMM-Formel schwirrte auch wäh­rend des DJV-Verbandstags in Kas­sel durch die Luft.

Was trotz des Wan­dels aller­dings immer noch geblie­ben ist: Die Arbeit der Jour­na­lis­ten muss finan­ziert wer­den. Durch die Gemen­ge­lage ver­schie­de­ner tech­ni­scher Grund­la­gen, wie Infor­ma­tio­nen gesich­tet, gesam­melt, auf­be­rei­tet und an Leser, Zuhö­rer oder Inter­net­nut­zer wei­ter­ge­ge­ben wer­den kön­nen, haben sich eben­falls die klas­si­schen Finan­zie­rungs­grund­la­gen ver­än­dert. Sol­len es noch die klas­si­schen Anzei­gen sein, sollte es eine öffentlich-rechtliche Finan­zie­rung sein? Diese Idee hatte zuletzt Pro­fes­sor Sieg­fried Wei­schen­berg vor drei Jah­ren wäh­rend eines gemein­sa­men Medi­en­fo­rums von DJV, Verdi und dem DGB in Ros­tock geäu­ßert. Der Vor­gän­ger des jet­zi­gen DJV-Vorsitzenden Michael Kon­ken sagte unter ande­rem dies:

Zei­tun­gen öffent­lich recht­lich finan­zie­ren? Mon­tage: Mittelhessenblog

 

In Kas­sel nun griff Kon­ken diese Ideen durch die Blume wie­der auf. Der Ber­li­ner freie Jour­na­list Dr. Wolf Sie­gert weist in sei­nem Blog Day by  Day auf die Schlag­zeile des Ber­li­ner Lan­des­ver­bands hin :  „Kon­ken erwägt Staats­fi­nan­zie­rung von Zei­tun­gen” und merkt zur Gesamt­the­ma­tik, wie nun Jour­na­lis­mus finann­ziert wer­den soll,  rich­tig an: „eine wich­tige Fra­ge­stel­lung über die Gren­zen der Geschlech­ter und der Gene­ra­tion„

Die Idee, dass Jour­na­lis­mus sich künf­tig nach einem öffentlich-rechtlichen Modell finan­zie­ren las­sen solle, stieß indes nicht auf unge­teilte Gegen­liebe — mit den Erfah­run­gen der jüngs­ten ver­such­ten Ein­fluss­nahme durch Ex-CSU-Sprecher Strepp auf das ZDF im Genick. Staats­ferne sei eigent­lich das Gebot, lau­te­ten  viele  Kommentare.

Soweit so gut. Nur geht es längst nicht mehr nur um Zei­tun­gen, es geht auch nicht um Fern­seh­sen­der. Son­dern es geht schlicht­weg darum, dass Jour­na­lis­ten ihre Arbeit leis­ten kön­nen. Im eigent­li­chen Sinn. Nicht als PR-Schreiber, Coach, Tex­t­op­ti­mie­rer oder in den sons­ti­gen ein­schlä­gig bekann­ten Model­len, wo vor allem Freie unter­kom­men, wenn sie wegen noto­ri­scher Schlecht– oder Unter­be­zah­lung auf klas­si­schen Jour­na­lis­mus ein­fach keine Lust mehr haben.

Wie soll sich Journalismus in Zukunft finanzieren? Die beiden Gruppen der jungen und der freien Journalisten sorgten dafür, dass sich der DJV nun mit Modellen wie flattr, kachingle , Stiftungen und Fördervereinen befassen muss.

Neben der klas­si­schen Anzeige auch flattr, kachingle, Stif­tun­gen und För­der­ver­eine als Alter­na­ti­ven zur Finan­zie­rung des Jour­na­lis­mus? In Kas­sel bekam der DJV von der Gruppe der jun­gen und der freien Jour­na­lis­ten einen zügig umzu­set­zen­den Arbeits­auf­trag. Fotos: v. Gallera

„Wir finan­zie­ren keine ein­zel­nen Journalisten”

In Kas­sel monierte ein Kol­lege, es ginge ja nicht darum „Jour­na­lis­ten zu finan­zie­ren, son­dern den Jour­na­lis­mus”. Nur, wer bitte, macht denn d e n Jour­na­lis­mus: Eine anonyme Ein­rich­tung, ein abs­trak­tes Wesen? Wohl kaum? Es sind nun mal Jour­na­lis­ten, die dafür sor­gen, dass Jour­na­lis­mus statt­fin­det. Bis vor eini­gen Jah­ren in einem gewohn­ten Zusam­men­spiel: Hier die Ange­stell­ten, die das Blatt machen, im Impres­sum auf­ge­führt wer­den als ver­ant­wort­li­che Redak­teure — dort die Freien, die in der Regel zulie­fern oder als Pau­scha­list die glei­che Arbeit machen. Heute ver­wi­schen die Gren­zen: Freie lie­fern sowohl zu wie sie auch zuneh­mend sel­ber als eigen­stän­dige Publi­zis­ten in Erschei­nung tre­ten.  Wenn wir von der Finan­zie­rung des Jour­na­lis­mus reden, dann reden wir von den Metho­den, wie Recher­chen bezahlt wer­den, deren Umset­zung, wie die Nach­richt zum Kon­su­men­ten kommt. Es ist ehr­li­cher zu sagen, dass nicht das anonyme Wesen Jour­na­lis­mus finan­ziert wird — son­dern eben der Jour­na­list, der für seine Recher­che Geld braucht, um sie machen zu kön­nen. Also geht es am Ende immer um den  ein­zel­nen Jour­na­lis­ten, der in sei­ner Arbeit unter­stützt wird.

Freie als Weg­be­rei­ter für neue Finan­zie­rungs­mo­delle
Es sind gerade freie Jour­na­lis­ten, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren dafür gesorgt haben, dass neue Impulse in den Jour­na­lis­mus kamen. Auch und gerade mit der Ent­wick­lung unab­hän­gi­ger Online­me­dien, die an kein Ver­lags­haus gebun­den sind. Wo fin­den diese ihren Rück­halt in die­ser Debatte? Wenn wir über Finan­zie­rung des Jour­na­lis­mus reden, reden wir nicht nur dar­über, dass die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in den Sen­de­häu­sern und den eta­blier­ten Redak­tio­nen zu adäqua­ten Bedin­gun­gen ihre Arbeit leis­ten kön­nen, ange­stellte  wie freie Kollegen/-innen, son­dern wir reden auch dar­über, wie die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die quer durch die Repu­blik den Mut haben und hat­ten, sich mit eige­nen Ange­bo­ten auf den Weg zu machen, eben­falls Rücken­de­ckung beim Kampf für eine bes­sere finan­zi­elle Aner­ken­nung die­ser Arbeit bekommen.

Öffent­lich­keit ist nötig

Dafür muss an die Öffent­lich­keit gegan­gen wer­den. In per­sön­li­chen Gesprä­chen, in Kam­pa­gnen etc. Um dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass es die Mög­lich­keit der Stif­tun­gen gibt oder För­der­ver­eine. Wie es zum Bei­spiel Ste­fan Aigner von Regens­burg Digi­tal vor­macht. Diese Mög­lich­kei­ten, wie Jour­na­lis­mus finan­ziert wer­den kann, um zum Bei­spiel lang­wie­rige Recher­chen auch im Regio­na­len oder Loka­len zu ermög­li­chen, wur­den inten­siv auch im DJV-Ortsverband Gie­ßen dis­ku­tiert — mit dem Ergeb­nis, dass diese Idee wäh­rend zweier Ver­bands­tage (2011 und 2012) in Hes­sen auf den Weg geschickt wer­den sollte. In Antrags­form ver­packt. Unter ande­rem sollte es darum gehen, dass eine Stif­tung ein­ge­rich­tet wer­den sol­len, um eine Jury dann über die Ver­gabe von Recher­che­gel­dern ent­schei­den zu las­sen. Als Mini­mum war eine Summe von 5000 Euro ange­setzt wor­den. Mög­lich­kei­ten, wie eben mit Bezahl­sys­te­men wie flattr und kachin­gel jeder Leser direkt sei­nen Jour­na­lis­ten, sein Medium unter­stüt­zen kann, wur­den bis­her eher skep­tisch betrachtet.

Junge Jour­na­lis­ten des DJV wer­fen den Ball in Kas­sel ins Spiel

In Kas­sel nun war es erst ein Antrag der Jun­gen Jour­na­lis­ten. Deren Fach­aus­schuss wollte, dass sich der DJV mit sei­nem Vor­stand an die Arbeit macht, eine klare Posi­tion zu erar­bei­ten, um sei­nen Mit­glie­dern „deut­li­che Hand­lungs­emp­feh­lun­gen” zu geben, wel­che alter­na­ti­ven Finan­zie­rungs­for­men der DJV unter­stützt und unter wel­cher Vor­aus­set­zung (red. Anmer­kung: aus DJV-Sicht) dies zuläs­sig ist. In der Begrün­dung für den Antrag heißt es: „Die Arbeits– und Lohn­si­tua­tion.….. hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­se­quent ver­schlech­tert, weil das her­kömm­li­che Geschäfts­mo­dell der Ver­lage längst nicht mehr so gewinn­brin­gend ist. Nach­rich­ten wer­den schnel­ler über das Inter­net ver­öf­fent­licht als über die klas­si­schen Medien. Die Ver­luste im Anzei­gen­ge­schäft und im Ver­kauf wer­den nicht durch die Ein­nah­men im Inter­net gedackt. Des­we­gen wer­den ins­be­son­dere auf­wen­di­gere Recher­che­pro­jekte immer schwie­ri­ger durch­setz­bar oder sind teils schon fast gänz­lich unmög­lich. Das gilt auch für Wei­ter­bil­dun­gen.”  Geht um reine Inter­net­me­dien, ist der Druck noch grö­ßer. Denn hier kommt noch erschwe­rend der laxe Umgang mit Urhe­ber– und Ver­wer­tungs­rech­ten hinzu. Auch diese Posi­tion, die gerade für freie Jour­na­lis­ten hoch­wich­tig ist, berührt die Frage der Finan­zie­rung jour­na­lis­ti­scher Arbeit.

Die Vor­lage der Jun­gen Jour­na­lis­ten nun wurde unter der Bedin­gung, dass ihre Begrün­dung mit in einen wei­ter gefass­ten Antrag der Freien Jour­na­lis­ten ein­fließt, als Arbeits­auf­trag für die Arbeits­gruppe „Finan­zie­rung des Jour­na­lis­mus” mit auf den Weg gege­ben. Diese Gruppe, so der Antrag der Freien, soll unver­züg­lich vom DJV-Bundesvorstand ein­ge­rich­tet wer­den. Die Gruppe soll dann dafür sor­gen, dass der DJV in die öffent­li­che medi­en­po­li­ti­sche Dis­kus­sion zur künf­ti­gen Exis­tenz­si­che­rung des pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­mus eine eigene Posi­tion ein­bringt. Wol­len hof­fen, dass der wesent­lich exak­tere Antrag der Jun­gen Jour­na­lis­ten nicht mit sei­nen Inhal­ten untergeht.

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  1. […] 9. Novem­ber 2012 von Chris­toph von Gal­lera Kom­men­tar hin­ter­las­sen Rubrik: All­ge­mein, Deutsch­land, Europa, Hes­sen, Inter­net, Jour­na­lis­mus, Medien, Mittelhessen-Landkreise, Poli­tik, Wirt­schaft und Land­wirt­schaft · Ob es nun Stiftungen …  […]

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