Mittelhessenblog ISSN 2195–5441
 
 

21. April 2014

Kurz­gu­cker: Wem gehört das Web: Face­book, Twit­ter und Co oder doch noch den Usern? — Ein Zwi­schen­ruf aus Mittelhessen

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Kurz­gu­cker


„Ich kom­men­tiere eigent­lich nur in Face­book” — „Nee, das saugt uns doch eigent­lich nur den gan­zen Traf­fic weg. Die Leute sol­len eher direkt auf unse­rem Blog kom­men­tie­ren” oder „Was wollt ihr eigent­lich? Face­book. Google+ und Twit­ter die­nen doch vor allem einen: Der Reich­wei­ten­er­hö­hung und außer­dem kön­nen wir mit unse­ren Freun­den uns dar­über unter­hal­ten”
— So oder so lau­ten Dis­kus­sio­nen zwi­schen Blog­be­trei­bern und Netz­be­woh­nern. Ein Thema, das sicher kei­nes ist, dass nur Mit­tel­hes­sen betrifft, son­dern quer durch die Netz­ge­meinde dis­ku­tiert wird.

 

Inhalte wer­den umge­lenkt — ver­schwin­den aus dem offe­nen Web

Auf jeden Fall eines, das jeden betrifft, der im Inter­net eine Seite ange­mel­det hat und diese nicht nur nach dem Motto „Ich bin dann mal auch hier” betreibt. Son­dern dar­auf setzt, weil ein Ver­ein , Firma, Hobby oder ande­res vor­ge­stellt wer­den sol­len. Weil ein Blog oder ein Medi­en­por­tal betrie­ben wird. Und dafür braucht es mög­lichst viel Kom­mu­ni­ka­tion oder ganz tra­di­tio­nell aus­ge­drückt: Unter­hal­tung. Über die Inhalte. Neue Ideen. Anre­gun­gen. Kri­tik. Die aber finde zuneh­mend nicht mehr im gan­zen Web statt. Sagt unter ande­rem Johnny Häus­ler. Inhalte wür­den zuneh­mend umge­lenkt in geschlos­sene Räume.…

Nur noch mit Gesichts­kon­trolle — Tum­mel­platz für Digijunkies ?

Wem gehört denn nun das Web, das Netz, das Daten­ge­flecht, das welt­weit zig Mil­lio­nen Rech­ner mit­ein­an­der ver­bin­det? Und muss es aus vie­len Räu­men, in die man inzwi­schen nur mit Club­au­s­weis und Gesichts­kon­trolle ein­tre­ten darf, wie­der her­aus ins Ple­num gezerrt wer­den? Dort, wo auch die etwas zu sehen bekom­men, die in die Räume Ideen lie­fern, anschlie­ßend aber nur noch zufäl­lig mit­be­kom­men, wenn die Club­mit­glie­der  dar­über reden.
Gehört es den vie­len skur­ri­len Typen, die in den vir­tu­el­len Wel­ten unter­wegs sind? Gehört  es Daniel Reh­bein, Tim Berners-Lee oder dem Cha­os­Com­pu­ter­Club? Daniel Reh­bein ist ein Name, der ver­mut­lich denen noch ein Begriff ist, die schon zu Zei­ten im Netz waren, als Tele­fo­nie und Daten­lei­tun­gen noch vom Staat (der Bun­des­post) zur Ver­fü­gung gestellt wur­den und in der Regel Online­zei­ten zu einem Luxus mach­ten. Wes­we­gen viel off­line gele­sen wurde: Schnell ins Netz, Inhalte schnell run­ter­la­den, aus dem Netz raus. In Ruhe lesen und dann ant­wor­ten. Reh­bein ist nach eige­nen Anga­ben seit 1992, also 20 Jahre online. Begon­nen habe alles mit eige­nen Btx-Seite. Btx steht für Bildschirmtext.

Oder gehört es inzwi­schen denen, die welt­weit die Rech­ner auf­ge­stellt haben, den Strom lie­fern, die sel­te­nen Erden und Sili­kon lie­fern, damit die klei­nen grauen Kis­ten, die heute eher manch­mal weiß sind und ihre Nut­zer in ein ganz eige­nes, das Mac-Appel-I-Phone-Pad-Tablet-Imperium hin­ein­zie­hen? Nicht ganz klar ist, ob die­ser Arti­kel auf Maclife eher eine ver­kaufs­för­dernde Satire oder doch ernst­ge­meinte War­nung sein soll: Der Besitz eines IPho­nes könne wie eine Droge süch­tig machen, sei­nen Nut­zer also in den von Appel kon­trol­lier­ten Teil des Webi­ver­sums hin­ein­zie­hen.
Was das Web wirk­lich aus­macht und das hin­ter dem, was einst Tim Berners-Lee erfun­den hatte, inzwi­schen eine Doku­men­ta­tion mensch­li­cher kul­tu­rel­ler Leis­tun­gen steht, das schreibt Johnny Häus­ler  Mit­be­grün­der der Re Publica, die 2013 zum sieb­ten Mal statt­fin­den wird, in sei­nen Netz­ma­ga­zin Spreeblick:

Das Web: „Doku­men­ta­tion mensch­li­cher Kul­tur”, Quelle: Spree­blick. Mon­tage: Mittelhessenblog

Um bekannt zu wer­den braucht es Reich­weite. Aus Mar­ke­ting­sicht sind des­we­gen eigent­lich Face­book, Twit­ter, Google+ und Co die idea­len Werk­zeuge, um mehr als ein „Hallo Welt” zu errei­chen. Nur birgt das Aus­la­gern der Inhalte oder auch nur das ansatz­weise Ein­stel­len die­ser Inhalte in die sozia­len Netz­werke ein nicht uner­heb­li­ches Risiko: Das eigent­li­che Web wird zu einer Inhalts­wüste, in der da und dort klapp­rige Holz­bu­den ste­hen, durch die der Wind pfeift und an bestimm­ten Orten befin­den sich dann die Inhalt­s­oa­sen, in die aber nur die hin­ein­kom­men, die sich vor­her „nackisch machen”, sprich: Sich damit ein­ver­stan­den erklä­ren, dass sie, wenn sie nicht ordent­lich Tri­but zah­len, quasi in durch­sich­ti­gen Kla­mot­ten durch die Oase lau­fen oder gleich ganz auf jeden Stoff verzichten..

Risi­ken dro­hen aller­dings auch von einer ande­ren Seite. Zuviele fal­sche Wer­bung schre­cke die User in den sozia­len Netz­wer­ken ab. 25 Pro­zent des Wer­be­etats soll im frisch begin­nen­den Jahr 2013 von Unter­neh­men für Social Media aus­ge­ge­ben wer­den. Also Face­book und Co. Das schreibt Mar­zena Sicking am 13. Dezem­ber in einem Arti­kel, der bei Heise erschie­nen und refe­ren­ziert auf Pit­ney Bowes Soft­ware, das dazu eine ent­spre­chende Stu­die durch­ge­führt habe. Die Zah­len die­ser Stu­dien wer­den aller­dings nur bedingt offen gelegt. Wer genauere Zah­len wis­sen möchte, muss ein ent­spre­chen­des For­mu­lar aus­fül­len. Sicher­lich legi­tim. Nur zeigt es den Wan­del von den frü­hen „anar­chi­schen” Zei­ten, wie sie hier Bernd Soko­low­sky von Fran­ken Net in einer Retro­spek­tive dar­stellt, die zum heu­ti­gen Web.

Ein Blog lebt vom Echo

Dis­kus­sio­nen, Reak­tio­nen fan­den in der Regel auf den Sei­ten und in den Foren statt, die auch den Betrei­bern der Sei­ten gehör­ten. Inhalte wur­den von Seite zu Seite ver­knüpft. Mit dem Auf­kom­men von Blogs ist für aktive Netz­nut­zer die Welt sicher­lich bun­ter gewor­den. Und als Blog­be­trei­ber lebt man vom Echo, von der Wahr­neh­mung. Nur wie­viele Blogs gibt es tat­säch­lich, auf die Leser rea­gie­ren kön­nen. Und wie sieht es mit deren Ver­hält­nis zu Facebook-Nutzern aus, denen man nahe­le­gen könnte, aus dem Facebook-Kosmos aus­zu­bre­chen und direkt in den Dia­log mit den Blog­be­trei­bern zu tre­ten, die auf sich in Face­book, Twit­ter und Co auf sich auf­merk­sam machen? Laut Wiki­pe­dia sind die Blog­zah­len eher ernüch­ternd: Demach betrie­ben laut der Allens­ba­cher Com­pu­ter und Tech­ni­kana­lyse zum Stand Okto­ber 2011 gerade mal 8,4 Pro­zent aller Inter­net­nut­zer in Deutsch­land ein Blog. Von den rund 81 Mil­lio­nen Ein­woh­nern Deutsch­lands sind wie­derum rund 75 Pro­zent im gerade zuende gehen­den Jahr 2012 online. 2003 waren es  knapp 50 Pro­zent gewe­sen. 2001 gar nur rund 37 Pro­zent. Bezo­gen auf die aktu­el­len  Inter­net­nut­zer­zah­len sind rund 8,4 Pro­zent oder 5103000 Ein­woh­ner in Deutsch­land mit einem eige­nen Blog unter­wegs. Welt­weit wie­derum waren es zum Stand Okto­ber 2011 rund 173 Mil­lio­nen Blog­ger. Legt man nun die Zahl der Facebook-Nutzer zugrunde, ergibt sich ein kla­res Bild: Den etwas mehr als 5 Mil­lio­nen Blog­be­trei­bern, bei denen anhand der Daten nicht erkannt wer­den kann, ob damit alle Blogs oder doch nur pri­vate Blogs gemeint sind, ste­hen 25 Mil­lio­nen Facebook-User gegen­über. Wenn wir also das Web wie­der zurück­er­obern wol­len, wie es Johnny Häus­ler vor­schlägt, ist es ein ehr­gei­zi­ges Ziel. Aber einen Ver­such ist es Wert. Hier in der Region Mit­tel­hes­sen wol­len wir die­sen Ver­such wagen und hal­ten den Kon­takt und Dia­log nicht nur mit den Weil­bur­ger Nach­rich­ten, son­dern auch mit der Feu­er­wehr Fel­lings­hau­sen , dem noch jun­gen Zie­gen­blog oder Tim Beil. Über­re­gio­nal sind es etwa Heike Rost, die Kol­le­gi­nen von Vocer oder auch Jörn Daber­kow mit sei­nem Blog Mood­way. Zuge­ge­ben: Auch hier beim Mit­tel­hes­sen­blog herrscht in die­ser Sache manch­mal Faul­heit. Weil Face­book bequem macht. Aber ehr­li­cher und respekt­vol­ler ist es doch, einem Por­tal­be­trei­ber direkt auf sei­nem Por­tal zu besu­chen und dort wie­der zur Mei­nungs­bil­dung beizutragen.

Einen bemer­kens­wer­ten Neben­as­pekt haben die rei­nen Facebook-Unterhaltungen aller­dings: Sie kön­nen  mit­un­ter zu Miss­ver­stän­dis­sen füh­ren, weil man sich eben nicht mehr die Zeit nimmt, Geschrie­be­nes sorg­fäl­ti­ger zu lesen und glaubt, mit der jeweils aktu­el­len Time­line alles not­wen­dige gele­sen zu haben, dafür steht eine Debatte in einem Dis­kus­si­ons­strang von Ver­fech­tern und Par­tei­gän­gern libe­ra­ler Poli­tik. Es ging um die Frage, ob pri­vate Nach­rich­ten offen zitiert wer­den soll­ten oder nicht. Die Debatte wogte sogar dann wei­ter, als der Betrof­fene sel­ber sagte, man möge doch bitte die Kir­che im Dorf las­sen und sich nicht wei­ter dar­über auf­re­gen. Um die­sen Dis­put in vol­ler Länge zu lesen, emp­fiehlt sich diese Sta­tus­mel­dung.

Internetnutzer: Anteil in Deutschland
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Nutzer von Facebook in Deutschland 2012
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Trackbacks

  1. […] Was würde pas­sie­ren, wenn das Mit­tel­hes­sen­blog ohne Ankün­di­gung für sechs Wochen außer­halb der regu­lä­ren Feri­en­sai­son in die Pause gehen würde. Dafür aber der Nach­rich­ten­fluss auf Face­book ver­la­gert wer­den würde. Würde das Mit­tel­hes­sen­blog mit sei­ner Haupt­seite an Lesern ver­lie­ren, wie würde es sich auf die Fan­seite des Mit­tel­hes­sen­blog bei Face­book aus­wir­ken? Die Ver­lus­trate des Mit­tel­hes­sen­blog lag in die­ser Zeit bei rund 22 Pro­zent, unge­fähr der Wert, der auch wäh­rend der Feri­en­zei­ten erreicht wird. Dafür hat­ten sich aller­dings die Zah­len auf der Fan­seite des Mit­tel­hes­sen­blog kon­ti­nu­ier­lich nach oben ent­wi­ckelt, ein­schließ­lich der Gefälltmir-Angaben. Diese lie­gen zur Zeit bei 232.  Unab­hän­gig von die­sem Expe­ri­ment gilt wei­ter die Beob­ach­tung, dass Besu­cher des Mit­tel­hes­sen­blog zwar die Arti­kel im Mit­tel­hes­sen­blog lesen, es aber vor­zie­hen, lie­ber auf der Fan­page des Mit­tel­hes­sen­blog zu kom­men­tie­ren oder in direk­ten Kon­takt mit dem Her­aus­ge­ber des Mit­tel­hes­sen­blog auf des­sen Facebook-Profil zu tre­ten. Das ist ein Phä­no­men, das nicht allein das Mit­tel­hes­sen­blog betrifft. […]

  2. […] Was gemerkt: Rich­tig? Die Gren­zen sind flie­ßend. Es war und ist heute umso­mehr, also voll­kom­men welt­fremd, diese Wel­ten tren­nen zu wol­len. Egal ob der heute 37-jährige Ste­fan Plö­chin­ger, der bald 47-jährige Thors­ten Win­ter oder der Schrei­ber die­ser Zei­len, der heute 51 Jahre, drei Monate und 18 Tage alt ist oder irgend­ein ande­rer Kol­lege, eine andere Kol­le­gin, die mit dem dop­pel­glei­si­gen Arbei­ten für die klas­si­schen gedruck­ten Medien und die Onli­ne­welt beruf­lich groß gewor­den sind, es ist immer wie­der die glei­che Arbeit. Also muss man sich fra­gen, wel­cher Teu­fel da Harald Staun eigent­lich gerit­ten hat? Die Frage muss er sel­ber beant­wor­ten. Auf jeden Fall haben seine Bemer­kung und nicht zuletzt auch die „Kapuzenpulli”-Anmerkung aus der Zeit für eine Soli­da­ri­täts­welle in den sozia­len Medien geführt, vor allem bei Tum­blr und Twit­ter, Stich­wort #Hoo­die­jour­na­lis­mus. Die ent­spre­chende Such­an­frage bei einer der gän­gi­gen Such­ma­schi­nen bringt eben­falls eini­ges an ein­schlä­gi­gen Ergeb­nis­sen. Sonst eher kein Kapu­zen­pul­li­trä­ger, habe ich beschlos­sen, die­ses Zei­chen ein wenig aus den sozia­len Medien ins klas­si­sche Inter­net zu brin­gen. Denn auch da gibt es so etwas wie einen Art Gra­ben­krieg. Das drau­ßen und Drinnen-Internet. Drau­ßen, im frei zugäng­li­chen Inter­net oder im „Club-Internet” — wie eben Face­book, Twit­ter und Co. Wer dort kein Konto hat, bekommt weni­ger schnell mit, wel­che Nach­rich­ten kur­sie­ren. Aber das ist schon wie­der ein ganz andere Geschichte. […]

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