Bern­hard Bueb in Gie­ßen: „Stra­fen sollte man Stra­fen nen­nen und nicht nur Konsequenzen”

PrintFriendly and PDF
bueb1

Der ehe­ma­lige Inter­nats­lei­ter Bern­hard Bueb tritt für klare Regeln ein, die Schü­ler auf ihrem Weg ins Erwach­sen­wer­den ein­zu­hal­ten haben. Bild: v. Gallera

Vor zehn Jah­ren hatte sein Buch „Lob der Dis­zi­plin” noch die Nation gespal­ten. Zumin­dest in der Uni­aula in Gie­ßen war am Ende eines gut ein­stün­di­gen Vor­trags davon nichts zu spü­ren. Dafür gab es mehr als nur Höf­lich­keits­ap­plaus und nur wenige Fra­gen. Etwas mehr als 100 Leh­rer, Eltern und Schü­lern waren gekom­men, um zu hören, was Dr. Bern­hard Bueb, lang­jäh­ri­ger Lei­ter des Boden­see­in­ter­nats Salem, zum „Lob der Disz­plin” zu sagen hatte. 

Aka­de­mi­sches Ler­nen oder vor­wie­gend Ler­nen durch Erfah­rung? In Deutsch­land, so Bueb, herr­sche das „aka­de­mi­sche Ler­nen” vor. Schule sei ein Ort, den man eher weni­ger mit Ver­gnü­gen und Spaß in Ver­bin­dung brin­gen. Ganz anders dage­gen in den USA. Dort wür­den sich Erwach­sene noch lange an ihre Schul­zeit als etwas Posi­ti­ves erin­nern.
Zwar räumte Bueb durch­aus auch die bekann­ten Defi­zite des us-amerikanischen Schul­sys­tems ein. Aller­dings ging es ihm in Gie­ßen mehr um die unter­schied­li­che Auf­fas­sung des Wor­tes „Bil­dung”.
Was hier­zu­lande in den „Bil­dungs­auf­trag der Schule” und das elter­li­che Erzie­hen zer­falle, bedeute im angel­säch­si­schen Sprach­raum ein– und das­selbe: „Edu­ca­tion”. Dies sei eine ganz­heit­li­che Betrach­tung.
Im Kern gehe es darum, Erfah­rung zu sam­meln.  Der ehe­ma­lige Inter­nats­lei­ter  nannte noch einen ande­ren Unter­schied zwi­schen angel­säch­si­schen und kon­ti­nen­ta­len bzw.deutschen Lern­auf­fas­sun­gen: In Deutsch­land diene der Sport­un­ter­richt vor allem der „kör­per­li­chen Ertüch­ti­gung”, Tur­nen an Reck und Bar­ren seien etwa in der Regel Sport­ar­ten, in denen der Ein­zelne gefor­dert sei. Dage­gen stün­den im angel­säch­si­schen Raum Mann­schafts­sport­ar­ten hoch im Kurs. Dort gehe es mehr darum, durch das Zusam­men­spiel den Cha­rak­ter zu festigen.

Bueb2

Dr. Bern­hard Bueb, Karina Fri­cke und Her­der­schul­lei­ter Ste­fan Tross (v.l.) Bild: v.Gallera

Zen­tra­les Ele­ment sei­nes Vor­trags zur Unter­maue­rung des Nut­zens von Dis­zi­plin, bes­ser von Selbst­dis­zi­plin, waren immer wie­der Bei­spiele aus sei­ner Zeit als Inter­nats­lei­ter. Bueb, der in sei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn eher durch Reform­päd­ago­gen wie Hart­mut von Hen­tig geprägt wor­den war, bei dem er als Assis­tent an der Uni Bie­le­feld gear­bei­tet hatte, war vor allem durch die Ein­füh­rung von Urin– und Alko­hol­tests in Salem in sei­ner Zeit als Lei­ter über­re­gio­nal in die Schlag­zei­len gera­ten. Also durch eine Maß­nahme, die auf Außen­ste­hende als dra­ko­ni­sches Vor­ge­hen, jen­seits jeder in Deutsch­land übli­chen aktu­el­len Päd­ago­gik­an­sätze wir­ken musste, ins­be­son­dere als kras­ser Gegen­satz zu jeder Reform­päd­ago­gik. Aller­dings, so Bueb, seien mit der Ein­füh­rung die­ser Tests, um Dro­gen­miss­brauch nach­zu­wei­sen, schlag­ar­tig Unzu­frie­den­heit und das Gefühl von Unge­rech­tig­keit unter den Schü­lern sel­ber ver­schwun­den.
Stra­fen, als Andro­hung eines Übels, bezeich­nete Bueb als not­wen­di­ges Werk­zeug. Man sollte sie auch durch­aus so nen­nen und nicht abmil­dernd als „Kon­se­quen­zen” bezeich­nen. Sie seien nötig, um gesell­schaft­li­ches Funk­tio­nie­ren zu gewähr­leis­ten. „Es ist wie mit den Stra­fen, die bei zu schnel­lem Fah­ren oder Steu­er­hin­ter­zie­hung dro­hen”, sagte er in Gie­ßen, hatte damit die Lacher auf sei­ner Seite. Buen erklärte, dass Stra­fen am Ende in Salem dann doch auch wie­der einen Erkennt­nis­ge­winn für den betrof­fe­nen Schü­ler hät­ten. So gehörte wäh­rend sei­ner Amts­zeit etwa auch der ein­wö­chige Ein­satz in einem Bau­ern­hof zum Straf­ar­se­nal. Von die­sen Stra­fein­sät­zen seien die Schü­ler häu­fig mit einem erwei­ter­ten Wis­sens­schatz für ihren eige­nen wei­te­ren Wer­de­gang zurückgekehrt.

Bueb brachte auch Bei­spiele, um zu bele­gen, dass Schü­ler, letzt­lich über­haupt junge Men­schen, sich eher bes­ser ent­wi­ckel­ten, wenn sie früh­zei­tig mit der Erle­di­gung von Pflich­ten für die Gemein­schaft betraut wür­den. „In Salem ist man nie Pas­sa­gier son­dern immer Teil der Mann­schaft”, fasste er dies zusam­men. So sei es Brauch, dass die Inter­nats­schü­ler auch Mit­glie­der bei der schul­ei­ge­nen Werks­feu­er­wehr wür­den und auch zu Ein­sät­zen in Kata­stro­phen­fäl­len geschickt wür­den.
In Buebs Amts­zeit fiel das Flug­zeug­un­glück von 2002, als eine rus­si­sche Tupo­lew in 11 Kilo­me­tern Höhe über dem Boden­see mit einem DHL-Frachtflieger  kol­li­dierte und dabei alle Pas­sa­giere und Pilo­ten der bei­den Flug­zeuge star­ben. Die Sale­mer Schü­ler hät­ten vor­wie­gend bei der Absi­che­rung der Unfall­stelle gehol­fen. Auch in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit, beim Elbe­hoch­was­ser von 2013, hal­fen Salem­schü­ler in der Über­lin­ger Part­ner­stadt Bad Schandau.

Bueb3

Rund 100 Besu­cher woll­ten in der Aula im Haupt­ge­bäude der Justus-Liebig-Universität in Gie­ßen hören, was Bern­hard Bueb ihnen zu sagen hatte .Bild: v.Gallera

Ebenso wür­den die Schü­ler auch dazu ange­hal­ten, ihr Mit­ein­an­der sel­ber zu regeln — etwa als „Essen­ska­pi­täne” in der schul­ei­ge­nen Mensa oder schul­in­ter­nen Gerich­ten, um über Ver­ge­hen von Mit­schü­lern zu bera­ten. „Natür­lich liegt die end­gül­tige Ent­schei­dung bei der Schul­lei­tung”, sagte Bueb. Aber auf diese Weise wür­den die Schü­lern ler­nen, sich sel­ber in die Pflicht zu neh­men. Das sei ein Teil der Selbst­disz­plin, die ihnen dann spä­ter helfe, die Her­aus­for­de­rung in ihrem eige­nen Leben zu meis­tern. Der Essen­ska­pi­tän wache über das Tisch­be­neh­men sei­ner Mit­schü­ler. Wer gegen die Regeln ver­stoße, müsse in der Küche hel­fen. „Natür­lich hofft das Küchen­per­so­nal dar­auf, dass dann doch einige gegen die Regeln ver­sto­ßen”, sorgte Bueb für wei­tere Lacher.
Für Leh­rer, die in Schloss Salem arbei­ten, sehe der Arbeits­all­tag des­we­gen anders als an vie­len ande­ren Schu­len aus: Sie sind gleich­zei­tig Leh­rer und Erzie­her. Und das wie­derum sei mit beson­de­ren Ansprü­chen auch an das eigene Fami­li­en­le­ben ver­bun­den. Fünf Jahre dauere etwas der Ein­satz als so genann­ter Men­tor. In die­ser Zeit sei der Leh­rer nicht nur Leh­rer son­dern zen­tra­ler Ansprech­part­ner für die ihm anver­trau­ten Schülern.

Was hat das eigent­lich für Sie per­sön­lich bedeu­tet. Kam es da nicht zur Eifer­sucht in der eige­nen Fami­lie”, wollte Karina Fri­cke wis­sen. Die Leh­re­rin der Her­der­schule hatte Bueb im Auf­trag des Ver­an­stal­ter­netz­werks nach Gie­ßen ein­ge­la­den. Bueb räumte ein, dass die­ser inten­sive Ein­satz natür­lich bei den eige­nen Kin­dern durch­aus das Gefühl aus­lö­sen könnte, sel­ber plötz­lich eine Neben­rolle zu spie­len, vor allem dann, wenn ein Men­tor seine Schütz­linge dann in sein eige­nes pri­va­tes Zuhause lasse. „Des­we­gen begren­zen wir die Men­to­ren­zeit und zie­hen, wenn es Pro­bleme des­we­gen in der Fami­lie des Leh­rers gibt, die Not­bremse”, erklärte Bueb.

Buebs Vor­trag in Gie­ßen war Teil einer Ver­an­stal­tungs­reihe zu unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen dar­auf, wie Ler­nen gelin­gen kann, die im Novem­ber 2015 begon­nen hatte und noch bis zum 11. Mai dau­ert.
Trä­ger sind das staat­li­che Schul­amt Gießen/Vogelsberg , die  Ali­ce­schule Gie­ßen, die Gesamt­schu­len Gießen-Ost und Ricarda-Huch-Schule, die Gym­na­sien Her­der- und Lie­big­schule und das Insti­tut für Psy­cho­ana­lyse und Psy­cho­the­ra­pie Gie­ßen. Als Gast­ge­ber hatte ihn Her­der­schul­lei­ter Ste­fan Tross begrüßt. Bueb gab den anwe­sen­den Leh­rern zum Schluss mit auf den Weg, ihre Frei­heit als Beam­ten dafür zu nut­zen, sich zum Wohle ihrer Schü­ler ein­zu­set­zen. „Sie ahnen gar nicht, wel­che sichere Posi­tion Sie gerade dafür als Beam­ter haben.„
Bueb hatte sei­nen Besuch auch dafür genutzt, auch für das Kon­zept der Ganz­tags­schule zu wer­ben. Aller­dings nicht für eine, in der von mor­gens bis abends gelernt wird, son­dern eine, in der außer Unter­richt auch Haus­auf­ga­ben erle­digt wer­den oder Schü­ler gemein­sam mit Leh­rern oder auch unter­ein­an­der gemein­same Pro­jekte mit­ein­an­der ver­an­stal­ten.
Ein Blick in die diver­sen Schul­pro­file, gerade der betei­lig­ten Gie­ße­ner Schu­len die­ser Ver­an­stal­tungs­reihe, zeigt, dass hier schon eini­ges auf den Weg gebracht wurde.

Sozia­le­netz­werke:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • RSS

Com­ments

Fast wie in den Alpen: Die Morgensonne taucht den höchst gelegenen Biebertaler Ortsteil Königsberg in magisches Licht. Im Vordergrund leuchtet das Neubaugebiet des Hauptorts Rodheim. Bild: v. Gallera, Mittelhessenblog

Bie­ber­tal mit Alpen­flair dank Morgensonne

"Der frühe Vogel kann mich mal" wird der Spruch gerne parodiert, der frühes Aufstehen empfiehlt. Zumindest in Biebertal empfiehlt sich dieses frühe Aufstehen tatsächlich - wenn man passend zu Hütten- und Almabtriebfesten, die immer in der zweiten Jahreshälfte stattfinden, auch landschaftlich Alpenflair geboten bekommen will. Rein jahreszeitlich passt diese Aufnahme zum eher winterlichen … Weiterlesen...

T3

Mit­tel­al­ter­markt auf dem Gie­ße­ner Klos­ter Schif­fen­berg — Wal­king Acts gin­gen unter

Der Mittelaltermarkt auf dem Schiffenberg fand am letzten Wochenende erstmals unter dem Begriff "Walking Acts" auf dem Gelände statt. Im Gegensatz zu den Vorjahren, wo es eine zentrale Bühne gab, waren die Künstler diesmal zu Fuß auf dem Klosterareal unterwegs.  Auf dem zentralen Marktplatz war eigentlich nur die abendlich abschließende Feuerschluckershow mit dem Künstler "Xardas" vorgesehen. … Weiterlesen...

Aus dem Polizeibericht. Foto Arno Bachert / pixelio.de

Wir haben hier nur einen ver­haf­tet”: Spu­ren der Brüs­se­ler Atten­tä­ter sol­len nach Gie­ßen führen

Für einen jungen Mann endete die Reise nach Gießen heute in der Untersuchungshaft. Der Mann wurde festgesetzt, weil er sowohl gegen das Aufenthaltsrecht verstoßen hat und zudem in der Vergangenheit mit mehreren Identitäten in Deutschland unterwegs war, um Asyl zu bekommen. Ob der Mann etwas mit den Anschlägen in Brüssel zu haben könnte, wird zur Zeit geprüft. Erste Indizien könnten zumindest dafür … Weiterlesen...

Um in turbulenten Zeiten an den Wert Gottes zu erinnern, hat eine Mittelhessin ein Feldkreuz gestiftet. Sie will aus Sorge vor Vandalismus nicht verraten wo. Den Vandalismus befürchetet sie indes nicht von Flüchtlingen. Foto: v. Gallera

Ein Feld­kreuz in Mit­tel­hes­sen und der „aggres­sive Flüchtling”

"Ich möchte nicht, dass Sie sagen, wer ich bin und wo das Kreuz zu finden ist", bat  die Mittelhessin, als wir sie nach Herkunft des in seiner Schlichtheit auffälligen Feldkreuzes fragten. Sie fürchte "Vandalismus". Allerdings nicht von Flüchtlingen. Eine renommierte Sprachforscherin warnt dagegen vor dem Wort "Flüchtling". Das vermittle den "automatischen Eindruck von 'Aggresivität und Stärke' … Weiterlesen...

haggisburnsgi2

Wo Wurst­kö­nig Hag­gis und Wild­sau auf­ein­an­der­tref­fen: Robert-Burns-Dinner in Mittelhessen

Robert Burns, Haggis und Whisky: Drei Dinge außer Dudelsack, die zusammengehören, wenn man "Schottland" sagt. Besonders dann, wenn man den Geburtstag des schottischen Dichters feiert. Was die Schotten jedes Jahr tun. Und die Mittelhessen auch. Jedenfalls in Gießen. Das Mittelhessenblog hat hinter die Kulissen des Haggiskults und der Gießener Haggisfeier geblickt, die seit einigen Jahren immer … Weiterlesen...

Weitere interessante Artikel aus Mittelhessen

Comments

Trackbacks

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



*